Reine Nervensache: "Be cool! Wer zittert, verliert"
Zwischenbilanz: Ein Gespräch mit TVG-Trainer Louis Rack und Uwe Sommerfeld
Frank Kaminski
GELNHAUSEN. Zitternde Finger um zwei Uhr morgens, nervenstarke Antworten per Email und die aufwändige Suche nach Neuzugängen: Der erste Teil der Regionalliga-Saison 2008/09 hat Louis Rack und Uwe Sommerfeld vom TV Gelnhausen in vielerlei Hinsicht bewegt und in Atem gehalten. Vor dem heutigen Start in die Restrunde zieht das Trainerteam im GT-Interview Zwischenbilanz. GT: Im Vergleich zur Vorsaison: War die aktuelle Runde bisher der angestrebte Schritt nach vorn in der Entwicklung des Teams?Louis Rack: "In einzelnen Teilen schon: die jungen Spieler haben sich beispielsweise gut integriert. Allerdings sind wir nicht da, wo wir gerne wären. Dafür hatten wir einfach zu viele Lücken zu stopfen durch das nicht abreißende Verletzungspech."
Uwe Sommerfeld: "Was sichtbar und spürbar ist: Wir sind als Team weiter zusammengewachsen. Das gefällt mir."
Im Detail bitte: Was war gut? Was war schlecht?Rack: "Gut war, dass wir nach dem schweren Saisonauftakt wieder schnell in die Spur gefunden haben. Dabei hat es sich ausgezahlt, dass wir ein klares Spielsystem haben: Unsere Konzeptionen haben uns in schwierigen Phasen gestützt und Orientierung gegeben. Schlecht waren die immer wieder auftretenden personellen Engpässe im Spiel und im Training."
Sommerfeld: "Positiv war, dass wir unsere Punkte geholt haben - trotz der personellen Lage. Gut war auch, dass es ab einem gewissen Punkt in der Saison möglich war, Spieler auf anderen Positionen als auf ihrer Stammposition einzusetzen und dadurch Ausfälle gut zu kompensieren - das wäre im vergangenen Jahr undenkbar gewesen. Schlecht waren unser Spiel in Kirchzell und unsere Heimniederlage gegen Budenheim."
Gab es nach der verkorksten Saisonvorbereitung und dem Saisonstart Bedenken, dass die aktuelle Runde völlig missglücken könnte?Sommerfeld: "Es hat sich herausgestellt, dass Louis viel bessere Nerven hat als ich. Ich bin derjenige, der nachts um 2 Uhr mit zitternden Fingern die Tasten sucht, um meine Befürchtungen in Form einer Mail mitzuteilen. Aber am nächsten morgen habe ich dann eine Mail in der steht: Be cool! Wer zittert, verliert."
Rack: "Ich habe absolutes Vertrauen in die Mannschaft. Und ich weiß, dass wir hier einen sehr guten Job machen. Ich glaube an unsere Mannschaft, an unser System und an unsere Taktik. Und wir sind in der Lage, taktische Überlegungen mit gutem Effekt auf dem Platz umzusetzen."
Auch in der Abwehr? Die Gegentrefferzahl ist sehr hoch. Zu hoch?Sommerfeld: "Anders als in der Vorsaison haben wir diesmal teilweise sehr offen decken müssen, um den Gegner zu stellen und empfindlich zu treffen. Bei dieser Variante gibt es deutlich mehr Gegentreffer als bei einer 6:0-Deckung. Unter dem Strich ist der Tabellenplatz wichtig und da sind wir auf einem guten Weg."
Rack: "Entscheidend ist aber auch, dass wir im Angriff wesentlich mehr Tore werfen, als in der vergangenen Saison. Tatsache ist: Wir sind immer in der Lage, Tore zu machen und das ist eine große Qualität. Es stimmt aber, dass wir phasenweise zu unkonzentriert in der Abwehr sind - das ist der offensiven Ausrichtung geschuldet. Aber damit kann ich leben, denn der Tabellenstand ist okay."
Stichwort Spielkultur: Die wollen Sie verbessern, das ist bereits vor anderthalb Jahren bei Amtsantritt ein wichtiges Anliegen gewesen. Wie fällt da Ihre Zwischenbilanz aus?Rack: "Wir sind auf dem richtigen Weg. Wir geraten immer noch in Situationen, in denen man von Außen reinrufen und mehr Spielfluss einfordern muss. Aber die Idee einer Spielkultur manifestiert sich in den Köpfen der einzelnen Spieler immer deutlicher.
Zum Kader gehören eine ganze Reihe talentierter Eigengewächse. Sind Sie mit deren Entwicklung zufrieden?Rack: "Im Großen und Ganzen kann man zufrieden sein. Aber ich stelle im taktischen Bereich noch Defizite fest. Da müssen wir in der Ausbildung noch früher ansetzen."
Sommerfeld: "Mir fehlt mitunter das Feuer, die Leidenschaft. Die Jungs haben die einmalige Chance, Regionalliga zu spielen - ob Sie diese Chance bei anderen Klubs hätten, ist nicht gewiss. Und da will ich einfach öfter das Weiße und Rote in den Augen sehen: Die Emotion, der absolute Kampfeswille. Mir ist da oft zu wenig Gefühl dahinter, aber das erwarte ich in so einer Situation."
"Womit ich noch nicht zufrieden bin ist unser Tempospiel nach vorne. Wir müssen unser Handlungsschnelligkeit und unsere Passgeschwindigkeit deutlich steigern"Louis Rack
Rack: "Das stimmt. Handball ist ein Kampfspiel, aber einige sind mir viel zu easy-going, zu brav. Aber wenn man etwas erreichen will, muss man auch Emotionalität zeigen."
Sommerfeld: "Ich will es mit einem Vergleich aus der Musik verdeutlichen: Ein Sänger, der gut aber immer nur laut singt, den kann man dazu bringen, auch ab und zu etwas leiser zu sein und dadurch richtig gut zu werden. Aber einer, der immer zu leise ist, aus dem wird nie ein guter Tenor."
Was bedeutet das für die Handballschule Gelnhausen? Bitte eine kritische Einschätzung: Wird genügend Qualität im eigenen Haus produziert, um hochklassigen Handball zu spielen und womöglich auf teure Verpflichtungen verzichten zu können?Rack: "Das gibt es in keinem Verein der Welt. Wer das glaubt, ist blauäugig."
Was ist ein realistisches Ziel für die Restrunde?Rack: "Platz fünf bis sieben ist ein realistisches Ziel - und damit liegen wir voll im Plan."
Was sind die wichtigsten spieltaktischen Vorgaben für die zweite Saisonhälfte?Rack: "Ganz klar: Womit ich noch nicht zufrieden bin ist unser Tempospiel nach vorne. Wir müssen unser Handlungsschnelligkeit und unsere Passgeschwindigkeit deutlich steigern."
Die 3. Liga soll kommen. Ist der TVG dafür gerüstet?Rack: "Im Prinzip ja. Wir trainieren auf diesem Niveau und wir könnten mit diesem Team auch in der 3. Liga bestehen. Und auch der Klub muss sich keine Gedanken machen: Der TVG hat immerhin zehn Jahre Zweitliga-Erfahrung."
Und was ist mit dem Fernziel 2. Liga? Inwieweit sind dafür in den vergangenen anderthalb Jahren Basisarbeiten verrichten worden?Sommerfeld: "Für meinen Geschmack dauern da viele Dinge zu lange. Mit dem aktuellen Potenzial kommen wir meiner Meinung nach nicht in die Aufstiegszone, dafür bräuchten wir noch zwei bis drei ganz starke Spieler."
Rack: "Na ja. Für mich wäre es spannend zu sehen, wie wir abschneiden würden, wenn wir komplett und topfit eine Runde durchspielen würden. Wir haben durchaus Klassespieler und mit unserer Truppe sind wir nicht so weit weg von den Spitzenteams. Es stimmt aber auch, dass wenn wir über einen vernünftigen finanziellen Rahmen verfügen würden, wir schon ein ganzes Stück weiter wären."
Ein Gedankenspiel: Das Management gibt grünes Licht für die Verpflichtung eines Wunschspielers. Wer wäre das?Rack: "Ich bin gerade im Gespräch mit zwei Spielern, die uns ein gutes Stück voranbringen würden. Selbst wenn nur einer der beiden zu uns kommen würde, wäre das ein großer Fortschritt. Zudem sind wir mit einem weiteren Spieler kurz vor einer Unterschrift, Namen kann ich natürlich noch nicht nennen."
Sommerfeld: "So einer wie Marlon Schwarz vom Zweitligisten Wallau würde mir für den rechten Rückraum gut gefallen."
Ihr Engagement war zunächst auf zwei Jahre ausgelegt. Zeichnet sich mittlerweile eine Vertragsverlängerung ab?Rack: "Es hat ein erstes Gespräch gegeben und dabei hat der Verein nicht gesagt, dass er uns nicht mehr will. Das war schon mal positiv. Aber auch die Rahmenbedingungen müssen stimmen und das schauen wir uns jetzt genau an."
Worauf achten Sie dabei am meisten?Rack: Es gibt einige Dinge, die noch besprochen und verändert werden müssen. Zudem muss man auch klar sehen, dass die Unterstützung aus dem Umfeld immer noch stark zu wünschen übrig lässt. Das ist auch für mich persönlich enttäuschend und man muss klipp und klar sehen, dass ohne Hagen Mootz und sein gigantisches Engagement gar nichts gehen würde."
Gibt es auch andere Optionen für Sie?Rack: Es stimmt natürlich, dass es auch einige andere interessante Dinge gibt. Aber wir haben hier in Gelnhausen erst ein Teilziel erreicht."
Sommerfeld: "Wir haben eine Arbeit begonnen, die wir fortsetzen wollen. Wir haben jetzt einen Stand erreicht, um nun schauen zu können, wohin die Reise gehen könnte."
Quelle:
http://www.gelnhaeuser-tageblatt.de/six ... _dpa=sport